Ich habe das Licht gesehen.

Torun Eriksen

Das war eines der mitreissendsten Konzerte seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Sicher, das hat damit zu tun, dass wir alle ganz nah dran sassen, noch näher als auf dem Übungsraumsofa. Der Ort: Bunker Ulmenwall in Bielefeld, tatsächlich ein alter Bunker, eng, niedrige Decken, eine winzige Bühne, um die das Publikum herum sitzt. Seit Jahrzehnten kann man dort sehr bekannten und weniger bekannten Jazzmusikern zuhören und -sehen.

Die Künstler: Torun Eriksen und ihre Band, Gesang, Piano (Flügel und Rhodes), E-Bass, Schlagzeug, Tenorsaxofon und Querflöte. Fantastische junge Musiker, die es erst gar nicht fassen können, wie zahlreich und, nun, n a h das Publikum ist. Nach dem ersten Stück ist auch klar, dass sie uns alle in der Tasche haben. Torun trifft jeden, und ich meine: j e d e n Ton, die Band ist perfekt aufeinander abgestimmt. Mir persönlich hat der Bassist besonders gut gefallen. Sehr einfühlsam und zurückhaltend spielend, den Bass weit aufgedreht und daher die Saiten meist nur streichelnd legt er ein dichtes Fundament, das uns zuweilen sogar einen Gitarristen vorgaukelt. Ich mag ja Bassisten, die mit dem Daumen anschlagen (und ich mach das auch gerne): James Jamerson (der Motown-Bassist), Sting, McCartney, Anthony Jackson, viele Reggae-Bassisten, to name but a few… Der Sound ist weich, man kann gut mit dem Handballen dämpfen und hat die anderen Finger noch frei für Akkordisches… aber ich schweife ab…

Die Sängerin ist ein offensichtlich blutjunges Ding, die oben in Norwegen von nichts anderem als Ella, Sarah, Dinah, Gospel, Soul und Blues gelebt haben kann. Sie hat es alles: erdige Tiefen, zerbrechliche Höhen, soulige Phrasierung und, wie meine Liebste vermutet, das absolute Gehör. Wir haben ein herzzerreissendes “I love a man” im Duo mit dem, ich sagte es schon, wirklich sehr guten und dynamisch (aber nicht laut!) spielenden Bassisten gehört. Es gab “From day to day”, einen Gospel, bei dem das (völlig verzauberte) Publikum eingeladen war, mit einzustimmen, ein weiteres anrührendes Duo mit dem Pianisten (”About presence”), Funk á la Beady Belle (eine weitere Sängerin, deren Alben vom norwegischen Pianisten Bugge Wesseltoft, mastermind hinter Jazzland Records produziert werden). Wenn man richtig sass, konnte man dem knuddeligen Drummer zusehen, wie er, stets in the pocket, mit sparsamen Bewegungen die entspannten Grooves wob, mit Stöcken, Besen und Händen, manchmal ein Küchenhandtuch auf den Fellen. Wir wurden ausserdem Zeugen eines furiosen powerplay zwischen Schlagzeug und Tenorsax, wild, streckenweise frei, währenddessen Torun Eriksen vor dem Piano auf dem Boden hockt und mit zitternden Lidern zuhört. Es ist eine Freude, den Musikern bei ihrem Werk zuzuschauen, das Minenspiel des Pianisten beim Gesang/Bass-Duo, das entrückte Grinsen des Drummers, den Körpereinsatz des Bassisten.

Sicher, die Musik dieser Band ist für das einigermassen Jazz-gewohnte Ohr oft sehr eingängig, Norah Jones lässt hier und da auch grüssen, aber die zurückhaltende Perfektion der Musiker, ihr jugendlicher Charme und die offensichtliche Freude, die sie an ihrer Musik haben, dürfte wohl auch die strengste Jazz-Polizei auf ihre Seite gezogen haben.

Der Klang der Band war übrigens sehr differenziert, wie so oft im Bunker, ich schätze, der Tontechniker hatte wenig Mühe, diesen Sound für das Publikum aufzubereiten.

Danke nochmal, Konny Vossebein, für dieses wirklich sehr, sehr schöne Konzert!

amazon-Link zum Album “Glittercard”
(leider noch nicht im iTunes Music Store)