Tour de Frank

Tour de Frank

Ort: Tempodrom, Berlin

Publikum: geschätztes Durchschnittsalter geht deutlich Richtung 50. Erstaunlich viele Frauen.
Wir sind zu dritt und haben die Plätze 2, 3 und 6. Auf 4 und 5 sitzt ein älteres Pärchen. Ich frage den Typ freundlich, ob die beiden nicht einen Platz aufrücken möchten, damit wir die Plätze 2 bis 4 haben können. Er sagt: „Nein.“ Damit habe ich nicht gerechnet. Ich versuche zu argumentieren, aber er bleibt dabei: „Nein“. Mehr nicht. Seine Begleiterin willigt dann irgendwann ein, von 5 auf 6 aufzurücken. Der Typ bleibt auf 4 sitzen! Er ignoriert mich. Erst als seine Alte ihm „grünes Licht gibt“, rückt er endlich auf 5 auf. Wir sind ratlos. Ist er vielleicht angepisst, weil die höheren Plätze weiter aussen sind? Wir bieten ihm an, die Plätze 4 bis 6 zu nehmen, damit die beiden 2 und 3 haben können, was etwas weiter Richtung Mitte ist. „Nein, das haben wir jetzt so entschieden, das bleibt so“. Unglaublich aber wahr. Ein Zwangsgestörter.

Die Show fängt pünktlich um 20:00 an. ’73er oder ’74er Livemitschnitt auf grosser Leinwand. Ähnliches Material wie in diesem TV-Film, den ich mal von einem Bekannten bekommen habe („The Dub Room Special“).

Die Band mit George Duke, Chester Thompson, Aynsley Dunbar, den Fowler Brothers, dem Ehepaar Underwood (Ruth und Ian) und natürlich dem umwerfenden Napoleon Murphy Brock. Wow! Was für Musiker! Für meinen Geschmack die beste Zappa-Band ever. FZ mit original python boots! Ich glaube, als erstes Montana und dann extended jam. Der damit endet, dass Frank seine Gitarre stimmt, währenddessen Dweezil und seine Band die noch abgedunkelte Bühne betreten und ebenfalls ihre Instrumente stimmen. Netter Übergang. Ich geb euch einen kurzen Abriss des ersten Sets:

  • Hungry Freaks, Daddy
  • Let’s make the water turn black

Während dieser Stücke wünsche ich mir noch, sie würden mehr von dem alten Zeug zeigen. Das war nämlich dermassen unglaublich gut, witzig, brainy, teilweise heavy und sehr musikalisch. Besonders NMB oder auch George Duke zuzusehen macht einfach nur Spass. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie diese Musik damals eingeschlagen hat, ich hab das ja erst 6 oder 7 Jahre später für mich entdeckt. Outta space.

Beim dritten Stück wurden die Jungs dann warm.

  • Florentine Pogen
  • Pygmy Twylyte
  • Cheepnis

Die Band kann ich namentlich nicht nennen, Dweezil hat sie ganz am Schluss kurz vorgestellt. Ein sehr fähiger Drummer (um 30, kurze Haare), der auch singt. Ein sehr fähiger Percussion-Spieler (Ende dreissig, lange Haare). Ein junger untadeliger Keyboarder. Eine sehr fähige (und ziemlich süsse) Sängerin/Sax/Flöte/Keyboard-Spielerin, ein unscheinbarer aber tierisch guter Gitarrist (cherry sunburst Gibson Les Paul). Ein studentisch aussehender Mittzwanziger am Bass (sunburst Sadowsky 5-Saiter Jazz Bass), der alles spielen kann, und der vor allem rockt. „Florentine Pogen“ rockte mörderisch, „Pygmy Twylyte“ auch. Napoleon Murphy Brock am Tenorsax und 80% des Gesangs. Sagte ich schon, dass dieser Musiker alles gibt? Mittendrin Dweezil, der sich bei seinen Beiträgen auf die Themen beschränkt, abgesehen von seinen leider wenig inspirierten Gitarren-Soli insgesamt eher wenig spielt (60ies-style Gibson SG) und der nicht singt. Nix, gar nix. Seine Ansagen sind zum Glück selten, weil hölzern und aufgesetzt wirkend. Schlechter Schauspieler.
Jetzt folgt eine kleine Zirkusnummer: auf Handzeichen von Dweezil wechseln die Musiker den Sound, den Stil, das Tempo, um im nächsten Moment wieder was völlig anderes zu spielen. Ähnlich wie sein Vater das vor 30 Jahren gemacht hat. Natürlich war das Ding komponiert und Dweezil hat dazu Fingerballet vorgeführt. Weiter geht’s mit

  • Don’t eat the yellow snow
  • St. Alphonso’s Pancake Breakfast
  • Father O’Blivion
  • Inca Roads

Hier steigert sich die Spielfreude der Musiker nochmal beträchtlich. Sehr schnelles, komplexes, quirliges, und immer wieder: albsolut witziges Zeug, bei dem ich praktisch jede Note mitsummen und -klopfen kann. Herrlich! Besonders „Inca Roads“ war wahrlich eine Sternstunde der Musikgeschichte! (Naja, fast. Damals war’s das jedenfalls.) Dweezil spielt hier ein doch recht anrührendes Solo. Den Abschluss des Sets bildet ein angeblich bisher unbekanntes „neues“ Stück aus Zappas Archiv. Im Wesentlichen ist das ein Ein-Akkord-Jam. Naja.

Zwei Fragen beschäftigen meine Begleiter und mich in der Pause: gehen wir zum zweiten Set unten in die Manege? und wo bleibt Ahmed? Ich konstatiere einen bedauerlichen Mangel an lead vocals bei der ganzen Geschichte. Teilweise fehlt in den Arrangements die erste Stimme, wenn NMB die zweite Stimme singt. Etwas schade. Mein Drummer-Freund will endlich Terry Bozzio sehen.

Im Männer-Klo treffe ich einen ca. 14-jährigen, langhaarigen jungen Kerl, der auf meine Frage, wie es ihm gefällt, erwidert „sehr gut, mal was anderes“. Er ist mit seinem Vater da. Wir kommen gerade noch rechtzeitig zu

  • I’m so cute
  • Tryin‘ to grow me a chin
  • City of tiny lights
  • Punk’s whips (sp?)

wieder in die Halle. Hier ist jetzt Terry Bozzio am Schlagzeug und lead vocals. Das ist Material vom „Sheik Yerbouti“-Doppelalbum und von „Zoot Allures“. Terry hat ein Netzhemd an und drischt wie ein Berserker auf sein Set ein. Dabei singt oder besser, schreit er noch den Part von Adrian Belew (warum ist der eigentlich nicht dabei?). Dweezil stellt ihn vor wie einen Superstar, vergisst auch nicht zu erwähnen, dass er Terry als kleiner Junge schon bewundert hat, when he was with Frank, y’know. Terry war auch der erste Drummer, der „The Black Page“, eine FZ-Komposition für Solo-Schlagzeug spielen konnte.
Jetzt betritt Steve Vai, einer der Helden meiner Jugend (remember „Flex-able“?) die Bühne (weisse Ibanez Jem „Flo“). Die inzwischen doch deutlich angewachsene Traube in der Manege unten, wo wir auch sind schiebt die Security-Leute ein paar Meter vor sich her. Steve ist ultra-cool und ganz Profi, etwas glatt vielleicht. Er hat als 17-Jähriger eine Solo-Stimme zu „The Black Page“ geschrieben, die er jetzt zum Besten gibt.

  • The Black Page
  • Peaches en Regalia

Steve bleibt hier noch schön zurückhaltend im Hintergrund, spielt die Solo-Themen und etwas Rhythmusgitarre. Nun muss Dweezil ihn natürlich auch noch vorstellen. „This guy was my first guitar teacher when I was 12 years old.“ Dann ein wenig gegenseitige Beweihräucherung. Hey, these guys are from Hollywood.

  • Montana
  • Village of the sun

Zwei Lieblingsstücke. I might be movin‘ to Montana soon. Ganz, ganz grosse Musik. The epitome of Zappa. Oder so. Steve dreht hier richtig auf und gibt seine Gitarrenartistik zum Besten. Der Kerl ist unglaublich, geradezu mit dem Instrument verwachsen.
Jetzt kündigt Dweezil das letzte Stück an. „Frank liked to end shows with this piece, particularly in Germany. It actually contains some German lyrics. I guess you all know what I’m talking about.“ Aber klar doch:

  • Sofa (Nos. 1 + 2)

Hier gibt es ein herzzerreissendes Solo von Steve, ausserdem jede Menge gitarristisches circle jerking. Mittlerweile stehen einige von uns direkt am Bühnenrand. Boh, das macht echt Spass. Und natürlich ist es dann noch längst nicht zuende:

  • Zomby Woof
  • Camarillo Brillo

Der Kracher dann zum Schluss:

  • More trouble every day

Hier wird nochmal so richtig die Sau rausgelassen. Mann, das rockt so dermassen. Um 23:45 sind wir draussen. Und glücklich.

Zusammenfassend:
Ein gelungener Abend, gut dreieinhalb Stunden Musik. Highlights waren für mich der 30 Jahre alte Mitschnitt am Anfang, dann „Florentine Pogen“, „Pygmy Twylyte“, „Father O’Blivion“, „Inca Roads“, „Montana“, „Sofa“, „Camarillo Brillo“ und „More trouble…“.
Dweezil hätte singen sollen. Oder Ahmed. Der war aber nicht da. Hierfür gab es keine Erklärung von DZ. Schade. Terry Bozzio war auch eher eine Enttäuschung, der hat seine besten Jahre ganz klar hinter sich. Anders schon Steve Vai. Der spielt sehr routiniert und unglaublich kontrolliert. Little italian virtuoso. Aber von 1000 Noten haben mich vielleicht drei oder vier berührt. Letztlich uneffektiv.
Der Sound war sehr laut, aber differenziert und fett. Die hatten ein paar mächtige Subwoofer am Start.
Die Band war einfach grossartig. Aber ohne Napoleon Murphy Brock könnten die das nicht bringen. Der Mann ist noch ein Entertainer alter Schule. Er singt und spielt die Musik nicht nur, er tanzt sie auch! Sehr mobil. Und bestimmt schon 60. Hut ab. Er ist der eigentliche musikalische Nachlassverwalter Frank Zappas.

Als angenehm habe ich empfunden, dass um Technik und Equipment kein grosses Aufheben gemacht wurde. Es wurden keine Gitarrensammlungen vorgeführt, Dweezil hat lediglich bei den Zugaben von der SG auf eine ganz gewöhnliche weisse Strat gewechselt. Der zweite Gitarrist hat seine Les Paul den ganzen Abend nicht aus der Hand gelegt. Steve Vai seine Jem auch nicht. Der Basser hatte bei einem Stück ein identisches schwarzes Sadowsky-Modell, der andere hat in der Zwischenzeit wohl neue Saiten bekommen.
Der FoH-Mixer war ein eher kleines Modell, mit einem 17″ PowerBook mittendrauf, wo aber nur Notizen zu den Settings bei den einzelnen Stücken zu sehen waren. Ich konnte mich tatsächlich kurz mit dem Mann am Mixer, einem Briten unterhalten. Selbstverständlich ist die Show direkt mitgeschnitten worden. Eine DVD wird wohl nach Abschluss der Tour rauskommen. Ist ja bald Weihnachten.

Nachtrag: Hier gibt’s ein Video vom Düsseldorfer Konzert („Inca Roads“, Gitarrensolo). (Danke, bike!) Und bei YouTube gibt es jede Menge altes Material zu finden.

5 Gedanken zu „Tour de Frank

  1. bike

    Hey Jazzdude, ein paar Namen kann ich noch nachreichen. DIe Show in Düsseldorf war ebenso geil, nur der Sound wohl besser, hier nicht zu laut, sondern genau richtig!

    Joe Travers – Drums und Nachlassverwalter von Frank Zappas Musikarchiv (Vaulmeister). Ausserdem spielt er bei Mike Keneally http://www.keneally.com/ Frank Zappas letztem (und meiner Meinung nach Bestem) Gitarristen/Keyboarder in der Band Drums. Unglaublicher Typ.

    Scheila Gonzalez – die Frau an Sox, Flöte, Keyboard und Gesang

    Aaron Arntz – Keyboards

    Jaime Kime – Rhythmus Gitarre

    Pete Griffin – Bassmonster
    http://www.petegriffin.info/

    jetzt fehlt nur noch der Percussionist … 😉

  2. deM

    Ganz nettes eindruck habe ich von dieses Konzert – doch bin Ich noch immer unentscheiden ob ich einer zweiter show sehen mochte. (Ich war in Amsterdam dabei). Es ist eine Enttäuschung das Sie der setlist nicht abwechseln, wie versprochen bevorhand.

    Danke schon fur deinem review!

  3. Ben

    Ich vervollständige mal die Besetzung. Dweezil´s Bandmitglied No.8 ist Billy Hulting on Melodic Percussion.

  4. Sile

    Joa, war ne reife Leistung, die die Jungens und Mädels im Tempodrom gebracht haben. Hätte nicht gedacht, daß das qualitativ ans Original ranzubringen wäre.

  5. Thomas Beitragsautor

    Ich hatte ehrlich gesagt die meiste Zeit völlig vergessen, dass es sich hier nicht um das „Original“ handelt (naja, bis auf NMB). So gut waren die. Die Nummer mit dem Konzertmitschnitt auf der Grossleinwand war einfach ganz geschickt gemacht.

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