Archiv für den Monat: Dezember 2011

La Cabronita

Ein Freund von mir, der seit Jahren nur Semiakustik- und Akustikgitarren spielt, wollte gerne eine E-Gitarre haben, am liebsten eine Telecaster. Ich habe ihm vorgeschlagen, eine ‚Partscaster‘ zu bauen, also eine Gitarre aus selbst ausgewählten Einzelteilen zusammenzubauen. Und ihm ein Foto einer ge-relicten „La Cabronita“ gezeigt. So eine wollte er. (Fender hat dieses Modell vor ein paar Jahren herausgebracht, als limitierte Ausgabe aus dem Custom Shop, Neupreis um 5000$. Mittlerweile gibt es auch eine günstigere Version für um die 1800$. Kommt mit einem oder zwei TV Jones Classic Pickups.)

Der Pickup-Hersteller Leosounds hatte in seinem eBay-Shop einen La Cabronita-Body, Erle, blondes Nitro-Finish, heavy relic. Zu einem sehr fairen Kurs. Einen einteiligen Telecaster-Hals aus Ahorn hatte ich noch in der Schublade, den Rest hatte mal wieder Thomann: TV Jones-Pickups, Fender Hardtail-Brücke, CTS-Poti, Switchcraft-Schalter, Kleinteile, was man eben so braucht. Da die Gitarre ja keinen Tonregler hat und an so ein Fender S1-Poti wie im Original nicht ranzukommen war, haben wir uns für ein Push/Pull-Poti entschieden, das im gezogenen Zustand einen kleinen Kondensator (Wert weiß ich nicht, haben wir durch Ausprobieren verschiedener Kondensatoren ermittelt) in den Signalweg schaltet. Quasi als Tone-Preset. Sehr brauchbar, jazzig auf dem Halspickup, nölig-mittig am Steg.

Der Zusammenbau hat einen Nachmittag gedauert und hat wirklich Spass gemacht. (Leider sitzen die Pickups nicht hunderprozentig parallel in den Fräsungen.)

Wer schonmal so eine Gitarre gehört hat (zB. bei YouTube), der weiß ungefähr, wie die klingt: seeehr funky, twangy, sehr nach Telecaster, aber doch eigen. Kann ich nicht beschreiben. Die TV-Jones-Pickups (Classic Humbucker) gefallen mir sehr gut, clean, fast schon glasig,  kein bisschen PAF drin, aber im verzerrten Betrieb doch rund und seidig. Natürlich brummfrei. Der Steg-PU klingt für meine Ohren ein wenig nach P90. Wie gesagt, schwer zu beschreiben. Tolle (wenn auch teure) Pickups. Das ganze Instrument hat ca. 650 Euros gekostet, ist also preiswert.

Am liebsten hätt ich auch so eine, dann aber schwarz.

 

Tama 3557/12

Per automatischer Benachrichtigung in der Bucht entdeckt. 70er Jahre Tama 12-string, incl. Original-Koffer. 5 min. vor Auktionsende stand die noch bei knapp über 200€. Das war viel zu wenig, also eBay-App angeschmissen und 1 sec. vor Schluß reingegrätscht. Klassisches Schnäppchen. Dachte ich. 2 Wochen später (nachdem ich noch 10€ extra für den unerwartet teuren Versand draufgelegt hatte) kam die Gitarre hier an, ohne zusätzliche Umverpackung. Naja. Nach dem Öffnen des Koffers war sofort klar, dass diese Gitarre hilfe brauchte: Der Steg hatte sich im hinteren Bereich etwa um 5 mm gelöst, außerdem war er bass-seitig um ein paar mm nach vorne gerutscht. Die andere Seite war mittels zweier Schrauben, die gleichzeitig einen Barcus Berry Piezo-Pickup hielten, befestigt. Zusätzlich war noch ein Geflecht aus dünner Litze zwischen Saiten und Steg durchgefädelt. Saitenerdung?  Die Saiten selbst schienen, wie in der Beschreibung angegeben, noch die originalen Saiten zu sein. Beim Entfernen derselben fiel mir auf, dass ich von jedem Stegpin nur die oberen 7 oder 8 mm herausziehen konnte, der Rest war weggegammelt. Schließlich waren die Saiten entfernt (mit dem Grind von 35 Jahren) und die Pinreste alle raus. Nun war klar, dass der Steg sich komplett vom Korpus gelöst hatte, sauber, ohne viel Deckenholz mitzunehmen.

Der Rest der Gitarre war in ganz gutem Zustand – nach Entfernung des klebrigen Belages, der das ganze Instrument bedeckte (drei Lappen habe ich weggeworfen). Die kolportierte Geschichte zu der Gitarre handelt von verstorbenen Familinenmitgliedern, die „damals eine Band hatten“, dann das Interesse verloren und die Gitarre im Koffer, zusammen mit einem in Auflösung befindlichen Gitarrengurt und einigen Salzstangen, in einen einigermaßen trockenen Keller eingelagert hatten. Wo sie dann vom Verkäufer, einem Hinterbliebenem des ursprünglichen Besitzers, entdeckt wurde. Natürlich „habe ich keine  Ahnung von Gitarren und verkaufe sie so wie sie ist, ohne Gewährleistung“. So stand denn in der Beschreibung nichts über den erbärmlichen Zustand der Gitarre, auch nicht, dass sie gar nicht spielbar war.

Geschenkt. Den Steg wieder aufzuleimen, sollte doch ein Routinejob für einen Gitarrenbauer sein. Ludger Wannenmacher, ein Bielefelder Gitarrenbauer, hat dies in bewährter Qualität erledigt, zusätzlich die Schraubenlöcher im Steg verfüllt und den Sattel angepasst.

Nachdem die Gitarre nun wieder zum Leben erweckt ist, wird klar, dass dies eine kaum gespielte, hochwertige japanische 12-Saiten-Gitarre aus den 70ern (vermutlich 1974) ist, die erst noch eingespielt werden muss und sich sehr wahrscheinlich klanglich verbessern wird. Allerdings klingt sie für meine Ohren jetzt schon gigantisch, voll, orchestral, mächtig, laut. Die 12er Elixirs sind in dieser Anzahl vom Zug her schon heftig, man braucht erheblich mehr Kraft zum Greifen, und so habe ich alles mal einen Halbton tiefer gestimmt und die Gitarre auch klanglich nochmals „tiefergelegt“.